Punkt Sieben zum Thema: Gülen in Deutschland und Weltweit

p7_2016-10-16

 

Gülen-Bewegung: „Es steht nicht drauf, was drin ist“

Punktsieben in Walldorf: Dr. Friedmann Eißler von der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ referierte

downloadEin „ganz kontroverses Thema“ packte er zurückhaltend und betont sachlich an: Über die Gülen-Bewegung, auch „Hizmet“ genannt, referierte Dr. Friedmann Eißler (Foto: Pfeifer) von der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ in Berlin beim Diskussionforum Punktsieben. Von „Paradebeispiel für einen dialogorientierten, modernen Islam“ bis zu „Terrororganisation“ reichen die Charakterisierungen. Eißler selbst wollte umfassend informieren und eine differenzierte Sicht anbieten: „Sie sollen sich selber orientieren, ich will Ihnen da nichts vorkauen.“

Der Saal des evangelischen Gemeindehauses war voll besetzt und gerade von Bürgern türkischer Herkunft kam teilweise massive Kritik an Prediger Fethullah Gülen selbst und Hizmet: „Man muss Angst haben vor dieser Organisation“, sagte eine Frau. Mitglieder der Punktsieben-Gruppe bohrten nach, sodass Eißler schließlich einräumte: „Sektiererische Strukturen sind da, das autoritäre Gefüge, enge Bindung der Anhänger, Abschottung nach außen.“

„Ich bin anfangs sehr positiv auf die Gülen-Bewegung zugegangen“, erklärte der Referent. „Aber als ich näher hingeschaut habe, habe ich gemerkt: Da passt etwas nicht zusammen.“ Rundweg verteufeln könne und wolle er den „charismatischen Prediger Gülen“ und Hizmet aber nicht: Das Engagement für Integration und Bildung – zuvor hatte er unter anderem über die Schulen und Kindertagesstätten sowie über 300 Kultur- und Integrationszentren Hizmets in Deutschland gesprochen – sei positiv. Und „vom ehrenamtlichen Engagement in der Bewegung können wir uns eine Scheibe abschneiden“. Hizmet stehe nach eigener Aussage für einen Islam auf dem Boden des Rechtsstaats und in starkem Gegensatz zu Extremisten. Eißler lehnte auch entschieden ab, sich quasi vor den Karren des türkischen Präsidenten Erdogan spannen zu lassen: „Das ist ein ganz schmutziges Geschäft“, meinte Eißler mit Blick auf die Verfolgungen und Verhaftungen nach dem gescheiterten Putsch. Und auf die Demonstrationen und Kontroversen in Deutschland verweisend, betonte Eißler, dass die Gülen-Anhänger bei aller nötigen Kritik „den Schutz des Rechtsstaats genießen müssen“.

Die religiöse Motivation aber, „die allen Aktivitäten zugrundeliegt“, dürfe man nicht verschweigen. Darum drehe sich seine Kritik: „Es steht nicht drauf, was drin ist.“ So wollte Eißler den Begriff der „Unterwanderung“ – Einflussnahme Hizmets über Stiftungen, Vereine und Medien, unterstützt durch zahlreiche Firmen – durchaus stehen lassen. Ziel sei, in den Gülen-Schulen „einen Machtfaktor heranzuziehen“, eine Elite, die die Gesellschaft im Sinne islamischer Werte prägen solle.

Im Sinne eines modernen Islam? Da hatte Friedmann Eißler starke Zweifel. Zwar sei Hizmet nicht radikal, aber doch konservativ und eher „auf Distanz zur Demokratie“. Gülen selbst sei von zen-tralen Aussagen des Koran oder der islamischen Überlieferung (Hadith), die zu unseren Werten nicht passten, nie abgerückt, so Eißler. Als Beispiel nannte er die untergeordnete Stellung der Frau, die sogar geschlagen werden dürfe. Gülen sage zwar, dass man Frauen ihre Rechte zugestehen müsse, „aber welche Rechte, sagt er eben nicht“. In der Tradition des islamischen Gelehrten Said Nursî meine Gülen auch, die Wissenschaft müsse den Glauben stärken, ihre Erkenntnisse seien nur wahr, wenn sie mit Koran und Hadith übereinstimmten.

Was meint Hizmet also mit „Dialog“? Laut Eißler jedenfalls nicht „Austausch“ oder „voneinander lernen“, er argwöhnt, dass Gülen „seine Vision einer muslimischen Gesellschaft verwirklichen“ wolle. In jedem Fall gelte: „Wir dürfen nie nachlassen in unserem Fragen.“

Sebastian Lerche (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung)

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