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DIE GLOCKEN DER EVANGELISCHEN STADTKIRCHE WALLDORF


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Die Glocken – Kleine Walldorfer Glockengeschichte

Am Abend des Ewigkeitssonntags, dem 25. November 2007, wurden die alten Glocken der Evangelischen Stadtkirche zum letzten Mal zusammen geläutet. Seit dem Jahr 1949 hatten sie von dort oben das Leben der Menschen in unserer Stadt begleitet. Mit den neuen Bronzeglocken von 2007 hat die Walldorfer Kirche schon ihr viertes Geläut erhalten.
Das erste Geläut der Kirche war von der Glockengießerei Karl Rosenlächer in Konstanz im Jahr 1860 gefertigt worden. Knapp ein halbes Jahr vor der Einweihung der neu erbauten Stadtkirche traf es 1861 in Walldorf ein. „Ein herrliches Geläute aus kunstfertiger Hand ist der protestantischen Gemeinde zu eigen geworden“, berichtete das Heidelberger Journal begeistert. Die zwei größten Glocken waren mit einem Christus-Wort versehen, die beiden kleineren trugen die Namen ihrer Stifter. Über ein halbes Jahrhundert hingen sie in dem filigranen Turm der Stadtkirche, bis dann zum Ende des ersten Weltkriegs im Jahr 1917 drei Glocken für die Kriegsbewirtschaftung abgegeben werden mussten. Nur die zweitkleinste Glocke konnte im Turm verbleiben. Schon zwei Jahre nach Kriegsende entschloss sich die Kirchengemeinde, das Geläut wieder zu komplettieren. Diesmal erhielt die renommierte Glockengießerei Bachert in Karlsruhe den Auftrag für drei neue Glocken mit dem Gesamtgewicht von 1.276 Kilogramm. Zusammen mit der alten Glocke ergaben sie den bisherigen Akkord f-a-c-d. Am 8. August 1920 wurden die Glocken in einem feierlichen Gottesdienst in Dienst genommen. Die Gesamtkosten von 57.420 Mark wurden weitgehend aus Spendenmitteln erbracht. Allerdings war diesem Geläut mit gerade einmal zwanzig Jahren nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Im Zuge der Eroberungs-kriege des Nazi-Regimes wurden die Kirchenglocken nach und nach aus den Türmen geholt, obwohl sie für die Material-beschaffung kaum mehr eine Rolle spielten. Im Jahr 1942 musste auch die Walldorfer Stadtkirche wieder drei Glocken abgeben.
Nach einem glockentechnischen Intermezzo, es wurde eines der wenigen elektromechanischen Turmmusikspiele installiert, kam sehr schnell der Wunsch nach einem echten Geläut auf. Am 21. November 1949 wurden vier neue Stahlglocken geliefert, die beim Bochumer Verein gegossen worden waren. Die Tonfolge lautete e-g-a-h. Die Glockenweihe fand am 3. Advent desselben Jahres statt. Halb Walldorf war auf den Beinen, um die neuen Glocken zu empfangen. Mehr als tausend Menschen hatten sich auf der Drehscheibe versammelt. „Friede sei ihr erst Geläut!“ Mit der bekannten Verszeile aus Schillers „Lied von der Glocke“ begrüßte der damalige Ortspfarrer Gerd Gorenflo die Glocken und verband damit mehr als nur die Hoffnung auf künftige Friedenszeiten: Nämlich die Bitte um einen Neuanfang in Frieden und Freiheit in einem noch immer vom Krieg zerstörten Land. So war es dann folgerichtig, dass das nunmehr dritte Geläut mit den biblischen Namen seiner Glocken die Menschen zur Hinwendung zu Gott aufrief. ROGATE – Betet; LAUDATE – Lobt; CANTATE – Singt und JUBILATE – Jauchzt! Für das neue Geläut, das erheblich größer war als das vorhergehende, musste eigens ein neuer Glockenstuhl in Stahlbauweise eingebaut werden. Keiner machte sich damals klar, dass die Stahlglocken aufgrund ihres Eisenkerns nur eine begrenzte Lebensdauer haben würden. Schon Mitte der neunziger Jahre wiesen die Sachverständigen auf kleinere Schäden an den Glocken wie am Turmmauerwerk hin. Es war jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis die Glocken abgeschaltet werden mussten. Deshalb entschied sich der Kirchengemeinderat im Mai 2007, zusammen mit den laufenden Sanierungsmaßnahmen auch ein neues Geläut zu realisieren. Immerhin beliefen sich die Gesamtkosten auf etwa 90.000 Euro. Schnell war man sich einig, den Auftrag für vier Bronzeglocken wieder der Firma Bachert in Karlsruhe zu geben. Und keine Frage war, dass die neuen Glocken dieselben Namen wie die alten tragen sollten. Das neue Geläut mit der Tonfolge e-g-a-c² kam Anfang Dezember 2007 in Walldorf an. Es wurde in einem Festgottesdienst am 3. Advent feierlich in Dienst genommen. Im Advent hört die christliche Kirche auf die Verheißung vom Kommen des messianischen Friedenskönigs, Jesus Christus. Seine Ankunft auszurufen über die Dächer unserer Stadt ist auch der Auftrag der vier neuen Glocken.

 


 

Die Rogate-Glocke

Die große Rogate-Glocke trägt den Namen des 5. Sonntags nach dem Osterfest: „Rogate – Betet an den Herrn“ (Psalm 96,9). Sie ist die schwerste und damit klanglich tiefste Glocke. Der Ton „e“ bildet den Grundton im Vierklang des Geläutes. Dieser Grundton hat im Akkord die stärkste Resonanz; er bringt gleichsam die „Tiefe“ zum Schwingen. Deshalb ist dieser Glocke auch jener bewegende Gebetsruf aus Psalm 130,1 zugeordnet: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“

Wie die seismischen Wellen aus dem Epizentrum eines Erdbebens wird auf der Glockenzier das Beben einer erschütterten Seele symbolisch dargestellt, begleitet von einer unruhig geschwungenen Linie, die an die Sinuskurve einer unregelmäßigen Herzfrequenz erinnert. Aber was auf der Seele lastet, bricht bereits entlastend heraus und fließt in die Worte eines Gebets. Diese sich öffnende Seele hin zu Gott symbolisiert jener sich öffnende Spalt, der zielgerichtet in den Gebetsruf mündet: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“ Und wiederum mündet dieser Gebetsruf am Ende des Psalms in eine Hoffnung, die jedem Gebet zugrunde liegt: „Denn bei dem Herrn ist Gnade und viel Erlösung ist bei ihm“ (Psalm 130,7). An diese Hoffnung des Glaubens will uns die Rogate-Glocke erinnern, von deren tragendem Grundton das Gebet der Gemeinde mitgetragen wird.

Nominalton: erogate

Gewicht: ca. 1.200 kg

Höhe: 1.270 mm

Unterer Durchmesser: 1.270 mm

Guss: Glockengießerei A. Bachert,
Karlsruhe am 14.09.2007

Glockenzier: Markus A. Fuchs und
Christoph Beysser, Dielheim


 

Die Laudate-Glocke

Die zweitgrößte Glocke des neuen Geläuts ist die Laudate. Zusammen mit der Jubilate-Glocke ist sie ganz auf den Lobpreis Gottes eingestimmt. „Lobe den Herrn, meine Seele“ so lautet das biblische Motto aus Psalm 103,1, das die Glocke als Inschrift trägt. In der lateinischen Übersetzung beginnt das Psalmzitat mit dem Imperativ „Lau-date“ („Lobet“) und ist nichts anderes als die Aufforderung an uns Menschen, mit unserem Glauben Gott in den Blick zu nehmen. Daran will die Laudate erinnern, wenn sie im Gottesdienst das Vater-Unser-Gebet begleitet oder am Ende eines Tages den Abend einläutet.

Dass der Lobpreis Gottes vielstimmig erklingt und in vielen Sprachen rund um die Erde geht, ist in der Zeit der Globalisierung gut nachvollziehbar. Deshalb trägt die Glocke das Wort „Laudate“ auch noch in sechs weiteren Sprachen auf ihrem Mantel. Das sind neben der alten Kirchensprache Latein die bei-den biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch. Dazu kommen noch die in Europa am weitesten verbreiteten Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Diese Sprachen beschreiben nicht nur den geographischen Raum Europa, son-dern sie markieren zugleich den christlichen Kulturkreis in seiner westlichen und östlichen Ausprägung. Sie machen, wenn man so will, die Universalität der Kirche sichtbar von der katholischen über die orthodoxe bis hin zur evangelischen Konfessionsfamilie. Damit hat die Glocke in ihrer Vielsprachigkeit einen ökumenischen Charakter und erinnert an das Sprachen-wunder von Pfingsten, die Geburtsstunde der Kirche.

Nominalton: glaudate

Gewicht: ca. 700 kg

Höhe: 1.060 mm

Unterer Durchmesser: 1.060 mm

Guss: Glockengießerei A. Bachert,
Karlsruhe am 14.09.2007

Glockenzier: Markus A. Fuchs und
Christoph Beysser, Dielheim


 

Die Cantate-Glocke

Die Cantate-Glocke trägt den Namen des 4. Sonntags nach dem Osterfest: „Cantate – Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ (Psalm 98,1). Sie ist auf den Ton „a“ gestimmt. In der Musik gilt dieser Ton als Kammerton, auf den hin alle Instrumente gestimmt werden. So steht der Ton „a“ für die harmonische Einstimmung, ohne die keine konzertante Musik und auch kein gemeinsames Singen möglich ist.

Dort, wo ein Violinschlüssel steht, folgt die Notierung einer Melodie. Gesungene Melodien prägen unsere Gottesdienste. Hoffnung und Klage, Freude und Trauer lassen sich mit dem Gesang gefühlvoller und unmittelbarer zum Ausdruck bringen als mit dem gesprochenen Wort. Der Violinschlüssel auf der Glockenzier ist verwoben mit einer Figur, die wie ein Flügel zu schwingen scheint. Diese Flügelschwinge ist ein Symbol für jenen bewegenden Gesang, der klingend und singend zum Ausdruck bringt, was uns im Inneren bewegt. Auch unser Gotteslob mündet immer wieder in einen Lobgesang. Vor allem daran will uns der Klang der Cantate-Glocke erinnern. Denn die Notenlinien auf der Glockenzier sind leer. Wir können dieses unbeschriebene Notensystem füllen mit unserem Gesang zum Lobpreis Gottes. „Cantate – Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Die Melodie der Glocken lädt dazu ein. Und wenn die Gemeinde diesen Lobpreis selbst singend anstimmt, verstummt der Glockenschlag.

Nominalton: acantate

Gewicht: ca. 500 kg

Höhe: 940 mm

Unterer Durchmesser: 940 mm

Guss: Glockengießerei A. Bachert,
Karlsruhe am 14.09.2007

Glockenzier: Markus A. Fuchs und
Christoph Beysser, Dielheim


 

Die Jubilate-Glocke

Die Jubilate ist die kleinste der vier Glocken und zugleich Taufglocke! Sie nimmt den Grundton des 3. Sonntags nach Ostern auf, in dessen Leitpsalm es heißt: „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!“ (Psalm 66,1.2) Mehr Jubel geht nicht! Wo die Freude über Gott im Herzen eines Menschen Einzug hält, da weicht alle Tristesse. Das will das stilisierte Herz auf der Bildseite symbolisch andeuten. Da möchte man am liebsten mit einstimmen in den Jubel der himmlischen Chöre. Schon die alte Jubilate-Glocke hatte bewusst den Lobpreis der himmlischen Heerscharen über die Geburt des Kindes von Bethlehem aufgenommen und die neue führt ihn fort: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Das Zitat aus dem Weihnachtsevangelium (Lukas 2,14) steht als biblische Losung über der Glocke.

Die Jubilate beschreibt damit den Weg der Heilsgeschichte in der Person Jesu Christi: Von der Menschwerdung Gottes an Weihnachten bis zur Rettung des Menschen aus dem Tod im Osterereignis. Was das bedeutet, bringt die Glockenzier auch grafisch zum Ausdruck. Der Name Jubilate ist eingebettet in ein Herz. Damit ist nicht nur das menschliche Herz, sondern auch Gottes Herz gemeint. Aus „herzlicher“ Liebe zu den Menschen hat Gott seinen Sohn gesandt. Die Engel verkündeten diese gute Nachricht an alle Welt. Dafür steht die stilisierte Engels-schwinge auf der Bildseite, die sich auf der Wortseite wiederholt. Wer das begriffen hat, kann nicht anders; er muss wie sie „singen und sagen“, was da geschehen ist.

Nominalton: c²jubilate

Gewicht: ca. 350 kg

Höhe: 790 mm

Unterer Durchmesser: 790 mm

Guss: Glockengießerei A. Bachert,
Karlsruhe am 28.09.2007

Glockenzier: Markus A. Fuchs und
Christoph Beysser, Dielheim

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