Stadtkirche_Rundgang

EVANGELISCHE STADTKIRCHE WALLDORF


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Ein Erkundungsgang durch die Kirche

 

Sie stehen vermutlich im Eingangsbereich der Kirche, in ihren Händen den Kirchenführer, der zum 150. Jubiläum der Kirche gestaltet wurde. Vielleicht wollen Sie für einige Augenblicke die schlichte Schönheit und die architektonische Harmonie des Kirchenraums auf sich wirken lassen. Vielleicht haben Sie diese Kirche aufgesucht, weil Sie einen Augenblick innehalten wollen, und Sie genießen nun die Stille des Raumes. Vielleicht suchen Sie aber auch einen Ort der Besinnung für ein persönliches Gebet; dann laden wir Sie ein, ein wenig am Symbolleuchter – rechts neben der Kanzel – zu verweilen. Dort finden Sie auch Gebete und Meditationen.

Sollten Sie darüber hinaus auch Muße und Interesse haben an der Architektur der Kirche und der darin enthaltenen Symbolsprache, dann laden wir Sie zu einem Erkundungsgang ein – zunächst innerhalb, dann außerhalb der Kirche. Auf den ersten Blick sieht man diesem schlichten Kirchenraum nicht an, dass es hier viele christliche Symbole zu entdecken gibt. Doch allein schon der Kirchenraum spricht vom Glauben, der in architektonischen Formen und Stilen eine Gestalt gefunden hat.

Die Evangelische Stadtkirche ist im neugotischen Stil erbaut. In der Mitte des 19. Jahrhunderts fand die Gotik (eine Strömung der europäischen Architektur und Kunst des Mittelalters von 1140 bis ca. 1500) im Kirchenbau wieder eine neue Beachtung, weil sie dem liturgischen Verständnis der damaligen Zeit entsprach. So wurde auf der Kirchenbaukonferenz 1861 in Eisenach empfohlen, neue Kirchengebäude im gotischen Stil zu bauen. Im sogenannten „Eisenacher Regulativ“ wurde ein Vorschriftenkatalog zur Gestaltung von protestantischen Kirchen-bauten in Deutschland erlassen. Darin heißt es unter anderem:

  • Jede Kirche sollte nach alter Sitte orientiert, d.h. so angelegt werden, dass ihr Altarraum gegen den Sonnenaufgang liegt.
  • Die Würde des christlichen Kirchenbaues fordert Anschluss an einen der geschichtlich entwickelten christlichen Baustyle und empfiehlt in der Grundform des länglichen Vierecks … vorzugsweise den sogenannten germanischen (gotischen) Styl.
  • Der Altarraum (Chor) ist um mehrere Stufen über den Boden    des Kirchenschiffes zu erhöhen. Er ist groß genug, wenn er allseitig um den Altar den für die gottesdienstlichen Handlungen erforderlichen Raum gewährt.
  • Die Kanzel darf weder vor noch hinter oder über dem Altar, noch überhaupt im Chore stehen. Ihre richtige Stellung ist da, wo Chor und Schiff zusammenstoßen, an einem Pfeiler des Chorbogens nach außen (dem Schiffe zu).
  • Die Orgel, bei welcher auch der Vorsänger mit dem Sängerchor seinen Platz haben muss, findet ihren natürlichen Ort dem Altar gegenüber am Westende der Kirche auf einer Empore über dem Haupteingang.

Wenn Sie den Blick auf das Gesamte des Kirchenraums richten, können Sie unschwer erkennen, dass die architektonische Konzeption genau diesen Gestaltungsvorgaben entspricht.

Als sich 1821 die lutherische und reformierte Kirche in Baden zu einer Kirchenunion zusammenschlossen, war der Raum in der ehemaligen reformierten Kirche Walldorfs viel zu klein geworden. Ein Kirchenneubau wurde notwendig. Für die Planung wurde der Bauinspektor Ludwig Franck aus Heidelberg beauftragt. Der Neugotik verpflichtet hat der Architekt in dieser Kirche die gotischen Stilelemente sehr konsequent und einheitlich durchgeführt, was dem Kirchenraum eine besondere architektonische Harmonie verleiht.

Anknüpfend an die Architektur der Gotik (mit der Kathedrale als herausragende Kunstschöpfung) ist auch diese Kirche mit gotischen Stilelementen als dreischiffige Hallenkirche gestaltet worden, an die ein Chorraum (Altarraum) anschließt. Der Begriff „Hallenkirche“ bedeutet, dass die drei Kirchenschiffe ein zusammenhängendes Raumganzes bilden. Dennoch sind –  insbesondere durch die Anordnung der Bankreihen – die drei Kirchenschiffe noch klar erkennbar. Das Mittelschiff (Langhaus) ist durch Bündelpfeiler von den Seitenschiffen getrennt. Die Struktur des Raumes ist klar auf den erhöhten Altarraum ausgerichtet.

Geometrische Formen, architektonische Maße, Licht und Schatten – alles am gotischen Kirchenbau hat eine symbolische Bedeutung. Auch in der Symbolik dieses Kirchenbaus spiegeln sich Glaubensaussagen. So entsteht ein Dialog zwischen den gemauerten Steinen und den „lebendigen Steinen“ (1. Petr. 2,5) der gottesdienstlichen Gemeinde.

Wir laden Sie nun ein, über den Mittelgang hin zum Altar die Kirche zu erkunden. In der gotischen Bauweise wird die Längsachse vom Portal im Westen zum Altar im Osten besonders betont. Denn der Mittelgang ist zugleich ein Symbol für den Weg des Glaubens, den wir in der Nachfolge Jesu immer wieder neu gehen sollen. Mit dem Durchschreiten des Mittelganges Richtung Osten geht der Gläubige auch der aufgehenden Sonne entgegen, mit der in der christlichen Tradition Christus als „Licht der Welt“ (Joh. 8,12) begrüßt wird.

Auf diesem Gang zum Altar lohnt es sich innezuhalten und den Blick schweifen zu lassen. Die Helligkeit des Raumes fällt ins Auge. Besonders an sonnigen Tagen ist das Kircheninnere von Licht durchflutet. Die in gotischen Kathedralen entwickelte transparente Architektur ist auch hier erfahrbar. Der gotische Kirchenraum soll aber nicht nur für das Tageslicht transparent sein, sondern im übertragenen Sinne auch für das göttliche Licht, das uns erleuchten soll. Denn nach dem Verständnis der Gotik weist der Kirchenbau auf das „himmlische Jerusalem“. Das immaterielle, göttliche Licht soll sich im materiellen Kirchenraum gleichsam widerspiegeln.

Der Raum verdankt seine Helligkeit den hohen weiträumigen Fenstern, die im Maßwerk in einem spitzen Bogen abschließen. (Mit Maßwerk bezeichnet man die filigrane Arbeit von Steinmetzen in Form von dekorativen Mustern an Fenstern, Turmhelmen und durchbrochenen Wänden.) Der Spitzbogen ist das zentrale Element der gotischen Baukunst. Die aufstrebende Form erzeugt die Wirkung eines aufsteigenden Raumes. Der Blick der Gläubigen wird aufwärts geführt; unser Blick soll gleichsam über das Irdische hinaus auf Gott gelenkt werden. Schließlich erhält der Spitzbogen in den Fenstern eine besondere Betonung durch das Maßwerk mit seiner farbigen Verglasung. Der aufstrebende Spitzbogen ist ein durchgängiges Stilelement, das hundertfach in dieser Kirche zu sehen ist unter anderem an den Stirnseiten der Bänke, im Kronenkranz der Leuchter oder im Maßwerk des Altars.

Schließlich mündet auch das Gewölbe in einen Spitzbogen – getragen von Kreuzrippen. Sie sichern die Stabilität des Gewölbes. Die Kreuzrippen werden am Zenit mit sogenannten „Schlusssteinen“, die durch ihre ornamentale Farbgestaltung besonders hervortreten, gehalten. Der Schlussstein ist zugleich ein Symbol für Jesus Christus, der im Neuen Testament einmal mit einem „lebendigen Stein“ (1. Petr. 2,4) verglichen wird. Auch die farbliche Gestaltung der Schlusssteine hat Symbolcharakter: Das Grün und das Braun sind die Farben des Wachsens und Reifens. Die Farbgebung weist also auf die Segenskraft der Schöpfung Gottes. Das Rot gilt in der liturgischen Tradition als Farbe des Heiligen Geistes. Das Blau ist die Farbe des Himmels und der göttlichen Weisheit.

Die Kronleuchter erinnern an eine Verheißung aus dem letzten Buch der Bibel: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offb. 2, 10).

Der gotische Kirchenraum strebt gen Himmel. Die langgestreckten Säulen betonen diese aufsteigende Bewegung. Die Säulen sind als sogenannte „Bündelpfeiler“ gestaltet. Man hat den Eindruck, als seien viele kleine Säulen zu einem Säulenstrang zusammengebündelt. In der gotischen Symbolsprache sollen die tragenden Säulen einem Baum ähneln; deshalb sind die Kapitelle der Säulen mit Blattornamenten ausgestaltet.

Die Blattkapitelle in dieser Kirche sind mit „gebuckelten“ Akanthusblättern versehen. Das stark ausgerandete Blatt dieser distelähnlichen Pflanze gab das Vorbild für das Blattornament auf den „korinthischen“ Kapitellen der Antike. Da das Akanthusmotiv häufig auf Grabmalarchitektur zu finden ist, wird der Akanthus mit der christlichen Verheißung der Unsterblichkeit in Verbindung gebracht.

Wenn Sie den Mittelgang durchschritten haben, erreichen Sie eine abgestufte Ebene mit der Kanzel zur Rechten und dem Taufstein zur Linken. Durch diese räumliche Höherstufung werden die Verkündigung und das Sakrament der Taufe herausgehoben.

In vielen gotischen Kirchen befindet sich an dieser Stelle das „Querschiff“, das in Verbindung mit dem Langhaus im Grundriss die Form eines Kreuzes ergibt. In der Konzeption der Hallenkirche ist das Querschiff als solches nicht mehr zu erkennen, da es in das Raumganze integriert ist.

Der Taufstein steht auf einem Stern. Der Stern nimmt Bezug auf eine messianische Verheißung: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen“ (4. Mose 24,17). Außerdem wird im 2. Petrusbrief (1,19) Christus als „Morgenstern“ beschrieben, der „in unseren Herzen aufgehen“ soll.

Die goldene Abdeckung der Taufschale wird bekrönt von einem ineinander verflochtenen Alpha und Omega, dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets. Wie diese beiden Buchstaben das ganze Alphabet umfassen, so überspannen die Verheißungen der Taufe unser Leben von Anfang bis Ende.

Neben dem Taufstein steht die Osterkerze, die am Ostermorgen in einer ökumenischen Osterfeier in die dunkle Kirche getragen wurde – begleitet vom österlichen Ruf: „Christus das Licht“. Sie symbolisiert das Licht des Ostermorgens und somit den Sieg des Lebens über den Tod. An der Osterkerze werden die Taufkerzen für die Täuflinge entzündet. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass den Getauften auch die Verheißung des ewigen Lebens zugesprochen wird. Die Osterkerze ist ein alljährliches Geschenk der katholischen Schwestergemeinde.

Der Altarraum hebt sich vom Langhaus durch eine zweifache Höherstufung ab (vgl. Eisenacher Regulativ). Der Altarraum ist in der Farbgebung und Ornamentik am reichhaltigsten ausgestaltet. In den Stein-metzarbeiten des Altars sind die gotischen Stilelemente noch einmal kunst-voll aufgenommen.

Die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar ist ein Kennzeichen für einen evangelischen Kirchenraum. Nach reformatorischem Verständnis ist vor allem die Bibel die Richtschnur des Glaubens. Die aufgeschlagene Bibel soll den Gottesdienst-besucher daran erinnern, selbst die Bibel aufzuschlagen und darin zu lesen.

Die ersten Kreuzabbildungen in der Geschichte der Kirche waren gleichschenklige Kreuze, so genannte „griechische Kreuze“. Diese symbolisieren den Sieg Christi über den Tod. Dieses Altarkreuz hat also den Charakter eines Siegeskreuzes. Die göttliche Herrlichkeit des Osterereignisses wird durch die goldene Farbe unterstrichen.

Zum Altarschmuck gehören die Altarkerzen. Die zwei Kerzen stehen symbolisch für die zwei Testamente der Bibel, für die zwei Sakramente Taufe und Abendmahl oder auch für die menschlichen und göttlichen Eigenschaften Christi.

Der Altar wird überragt vom Kreuzigungsbild an der Stirnseite des Altarraumes, das als „Blindfenster“ konzipiert ist. Zum Kreuzigungsbild schreibt der ehemalige Pfarrer Harald Pfeiffer (H. Pfeiffer, Die evangelische Kirchengemeinde Walldorf bei Heidelberg, 1977): „Das Wandgemälde mit dem gekreuzigten Christus (…) geht auf die Schenkung eines Walldorfer unbekannten Gemeindemitgliedes im Jahr 1854 zurück. In seiner Schenk- und Stiftungsurkunde bestimmte der Stifter 80 Gulden für die Anfertigung eines Christusgemäldes. Der Kirchengemeinderat kam diesem Wunsch nach und beauftragte durch die Kirchenbauinspektion Heidelberg den Koblenzer Maler Joseph Anton Settegast (1813-1890) mit der Ausführung. (…) Settegasts Bestreben war es, das Ideal des ewig Schönen in der ersten religiösen Kunst zu erfassen. (…) In seinem Walldorfer Wandgemälde ‚Christus am Kreuz‘ ist der Idealtyp des Gekreuzigten dargestellt. Dem Betrachter erscheint die Szene zunächst oberflächlich und unkompliziert einfach behandelt zu sein. Dennoch weist sie eine Passionssymbolik auf, der es nachzugehen lohnt. Der Gekreuzigte ist an das Kreuz in lateinischer Form geschlagen. Das Kreuz steht auf einem kleinen Erdhügel. Der Hügel teilt die Symbolik des Berges, der die Verbindung zwischen Himmel und Erde ist. Der Totenschädel davor ist Attribut der Vergänglichkeit alles Irdischen. Der Schädel verweist nicht auf die Schädelstätte Golgatha, sondern auf den Schädel Adams. Nach der Legende ist das Kreuz Christi auf dem Grab Adams errichtet worden. Damit soll die spannungsvolle Kontinuität zwischen dem ersten und zweiten Adam angedeutet werden. Das Charakteristische an dem Christus-gemälde ist die in Gelb – Farbe der Ewigkeit – gehaltene Mandorla, der mandelförmige Lichtschein, der den Christus ‚in Majestät‘ umgibt. Das göttliche Licht soll die Gegenwart Gottes offenbaren. Die Mandel stellt das Sinnbild des Inneren, der inneren Erleuchtung dar. Der Mandelbaum ist für die Israeliten das Symbol neuen Lebens (siehe Jeremia 1,11f).“

Hier wird kein „Schmerzensmann“ dargestellt. Jesus hat den Todeskampf bereits überwunden. In der strahlenden Ellipse (Mandorla), die den verstorbenen Jesus umgibt, ist gleichsam schon das göttliche Licht des Himme-reichs zu sehen. Der Gekreuzigte ist eingebettet in die goldgelbe Farbe der Mandorla. Dies verleiht dem Bild seinen eigentümlich erlösenden Charakter.

Über dem Kreuz befindet sich ein Schild mit der Aufschrift INRI. Die Kreuzesinschrift ist eine Abkürzung für „Jesus Nazarenus Rex Judeorum“ (Jesus Christus, König der Juden). Diese Inschrift bezeichnet den Schuldvorwurf der Römer. Jesus wurde unterstellt, er plane als ein neuer „König der Juden“ einen Aufstand gegen die Römer. In den Augen der Römer war dies Hochverrat, der mit dem Kreuzestod bestraft wurde.

Der Pelikan im Vierblatt oberhalb des Altarbildes soll die Deutung des Sühnopfertodes Jesu versinnbildlichen. Vermutlich führte eine ungenaue Beobachtung der Fütterung zu der Vorstellung, dass sich ein Pelikan in der Not für seine Jungen opfert, indem er mit dem eigenen Blut seine Jungen tränkt.

Das Kreuzigungsbild wird flankiert von den Bildnissen der Reformatoren Martin Luther (links) und Johannes Calvin (rechts). Sie stehen stellvertretend für die lutherische und reformierte Kirche, die sich im Jahr 1821 im damaligen Großherzogtum Baden zu einer Kirchenunion vereinigt haben. Die beiden bunten Glasfenster sind Stiftungen aus dem Renovierungsjahr 1909.

Im Altarraum angekommen blicken Sie über die Bankreihen hinweg auf die Orgelempore. Die Orgel wurde im Jahre 1967 von der damaligen Firma Steinmeyer gebaut und mehrfach restauriert. Sie zählt zu den besten in der Region. Sie besitzt 36 Register und besteht aus 2630 Orgelpfeifen. Die längste Orgelpfeife mit dem tiefsten Ton ist 5 Meter hoch.

Am Fuße der Kanzel befindet sich der Symbolleuchter, der erst vor wenigen Jahren in Form einer aufstrebenden Stele – dem Charakter des gotischen Raumes entsprechend – von einem Künstler entworfen wurde. Wir laden Sie ein, dort einen Augenblick innezuhalten.

Auf Ihrem Rückweg zum Ausgang können Sie noch ein letztes christliches Symbol entdecken. Gleichsam als Weggeleit steht über dem Mittelbogen, der zum Eingangsportal führt, das sogenannte Christusmonogramm mit den griechischen Buchstaben XP. Die griechischen Buchstaben X (= CH) und P (= R) ergeben die Anfangsbuchstaben des Wortes „CHRistus“.

Vom Christusmonogramm fällt ganz von selbst der Blick auf das gläserne Eingangsportal. Das eingelassene Schriftbild können Sie am besten von außen betrachten. Vielleicht haben Sie noch Zeit und Muße für einen abschließenden Rundgang um die Kirche.

In der Gotik wurde die Kathedrale als Abbild des „himmlischen Jerusalems“ verstanden. Das Mittelportal war gleichsam das Tor zur Himmelsstadt. Zugleich soll das Mittelportal auch an das Wort Jesu erinnern: „Ich bin die Tür, wer durch mich eingeht, wird gerettet“ (Joh. 10,9). Im übertragenen Sinne heißt das: Beim Eintreten in die Kirche sollen wir uns auch auf das Evangelium Jesu einlassen.

Das Schriftbild im Mittelportal unserer Kirche zitiert zentrale Bekenntnistexte aus der lutherischen und reformierten Tradition: Im linken Türflügel sind Worte aus dem „Kleinen Katechismus“ (1529) von Martin Luther eingelassen; im rechten Türflügel steht der Anfang des Heidelberger Katechismus (1563). Beide Texte repräsentieren nicht nur die reformatorischen Wurzeln unserer Kirche, sondern sie sind auch – wie die Bildnisse der beiden Reformatoren im Altarraum – Kennzeichen der badischen „unierten“ Kirche.

Beim Gang um die Kirche eröffnet sich immer wieder ein Blick auf den Kirchturm. Für den schönsten Turm der Christenheit halten viele den Turm des Freiburger Münsters. Als der Architekt Ludwig Franck die evangelische Stadtkirche in Walldorf plante, nahm er sich den Turm des Freiburger Münsters zum Vorbild. Der Turm unserer Kirche ist mit seinen nahezu

60 Metern immer noch das höchste Bauwerk Walldorfs. Gotische Türme, die bei den großen gotischen Kathedralen bis ins technisch Mögliche gesteigert wurden, scheinen durch ihre filigrane Struktur mit Leichtigkeit in den Himmel zu ragen. Gotische Türme sollen einerseits erinnern an die Aufrichtigkeit des Gläubigen vor Gott und andererseits weisen sie – wie ein Fingerzeig – auf Gott.

In architektonischer Eleganz erstreckt sich der schlanke Turm unserer Kirche von einem Viereckgrundriss hin zu einem Achteck im Turmhelm. Die

4-eckige und 8-eckige Bauform beinhaltet eine Zahlensymbolik: Die 4 ist die Zahl des Weltganzen, wie es zum Beispiel in den 4 Himmelsrichtungen und den 4 Jahreszeiten zum Ausdruck kommt. Die 8 ist die Zahl der in sich ruhenden Harmonie und deshalb auch die Zahl des göttlichen Heils. In der christlichen Tradition wird die Auferstehung Jesu Christi auch als der

„8. Schöpfungstag“ bezeichnet.

Der quadratische Unterbau wird flankiert von abgestuften „Strebepfeilern“, die sich nach oben hin in „Fialen“ fortsetzen, aus denen Kreuzblumen sprießen – ein weiteres typisches Ornament neugotischer Bauzier. Das achteckige Maßwerk mit den offenen Turmfenstern mündet in Ziergiebel, die wiederum mit Kreuzblumen „bekrönt“ werden. Tatsächlich wirkt dieser Turmkranz wie eine Krone. Sie erinnert an das Bibelwort: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offb. 2,10).

Schließlich zielt auch der Turmhelm auf eine Kreuzblume zu. Dieses Kreuz als Blume auf der Spitze des Turmes dem Himmel am nächsten ist ein Sinnbild für das Aufblühen des neuen Lebens aus dem Tod, ein Sinnbild für das „Himmelreich“. Die gotische Kreuzblume wurde der Rautenblüte eines Weinstocks nachempfunden. Da man im Mittelalter der Weinraute eine Unheil abwehrende Kraft zuschrieb, galt die Kreuzblume auf den Turmspitzen und Fialen auch als Schutzzeichen.

Im Osten der Kirche legt sich, wie eine „schützende Hand“, die Sakristei um den Altarraum der Kirche. (Der Name „Sakristei“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „heiliger Raum“, weil in ihm die liturgischen Geräte für Abendmahl und Taufe untergebracht sind.) Obwohl sich in dieser modernen Edelstahlkonstruktion das Baumaterial und der Baustil unserer Zeit widerspiegeln, fügt sich die neue Sakristei doch harmonisch an die neugotische Bauweise an. Aufgrund der Vorgaben des Denkmalamtes musste der Charakter der freigestellten Kirche erhalten bleiben. Dieser wurde durch die transparente Konstruktion gewahrt.

Am 3. Advent 2007 wurden die neuen Glocken eingeweiht.  Die größte Glocke des alten Geläuts wurde zu einem Kunstobjekt umgestaltet. Da steht sie auf dem Kirchenvorplatz in einen Betonwürfel eingegossen, als wäre sie mitten im Läuten erstarrt. Möge dieses Kunstobjekt eine Mahnung sein gegen jegliche Erstarrung im Glauben. Lassen wir uns deshalb vom Geläut der neuen Glocken in Bewegung setzen. Denn ihr Geläut will uns einladen zum Gottesdienst. Dafür und nur dafür ist die Kirche gebaut worden. Sie will den Gläubigen einen Raum für den Gottesdienst und für das Gebet geben. Das war, ist und bleibt der eigentliche Sinn dieser Kirche. So wird aus dem steinernen Haus das „geistliche Haus der lebendigen Steine“ (1. Petr. 2,5).

Liebe Besucherin, lieber Besucher! Bei Ihrem Erkundungsgang haben Sie auf Schritt und Tritt entdecken können, wie der Kirchenbau vom Glauben erzählt. Aber wir dürfen bei der Betrachtung und Deutung architektonischer Stilelemente und Symbole nicht stehenbleiben. Denn all diese weisen auf den Gottesdienst hin, wo die Bibel für unsere Zeit ausgelegt und verkündet wird. Und so laden wir Sie nun ganz herzlich zum Gottesdienst ein.

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